
Gestalttherapie Paarbeziehung
10. März 2026
Streitmuster in der Paarbeziehung: Warum wir immer wieder über dasselbe streiten | Paarberatung Ludwigsburg
10. März 2026Topdog, Underdog und die Kunst, in der Paarbeziehung wirklich Verantwortung zu übernehmen
Verantwortung in der Beziehung
Kennen Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin immer wieder die gleiche Auseinandersetzung haben? Die Worte ändern sich vielleicht, der Ton auch - aber das Muster bleibt. Einer kritisiert, der andere verteidigt. Oder einer fordert, der andere zieht sich zurück. Irgendwann fragt man sich: Woher kommt das eigentlich? Und: Kann sich das je wirklich ändern?
Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, hat dafür eine präzise und gleichzeitig befreiende Antwort gegeben. Seine Konzepte von Topdog und Underdog, von Verantwortung und Gefühlsausdruck, von den Schichten einer Persönlichkeit - und einer Beziehung - weisen uns einen Weg aus dem Kreisdrehen heraus. In unserem ersten Artikel zu
Gestalttherapie und Paarbeziehung haben wir die grundlegenden Konzepte eingeführt. Dieser Artikel geht tiefer: Was passiert, wenn der innere Richter in die Partnerschaft einzieht? Und wie wird aus Verantwortungsabschieben echte Verbindung?
Topdog und Underdog: Der innere Richter zieht in die Partnerschaft ein
In einem seiner Seminare demonstrierte Perls lebhaft, wie ein innerer Dialog in uns abläuft. Er nannte die beiden Protagonisten Topdog und Underdog.
Der Topdog ist die Stimme des inneren Richters. Er weiß, wie es sein sollte. Er ist dabei immer rechtschaffen - manchmal sogar im Recht, aber niemals gnädig. Der Underdog rechtfertigt sich, macht Versprechen, die er nicht hält, oder sabotiert leise.
Der Topdog ist immer rechtschaffen - manchmal im Recht, aber nicht zu übertrieben - und immer rechtschaffen. Und der Underdog ist gewöhnlich sehr schlau und beherrscht den Topdog. (Fritz Perls)
Was hat das mit Ihrer Paarbeziehung zu tun? Sehr viel. Denn was innerlich zwischen Topdog und Underdog abspielt, spielt sich häufig auch zwischen Partnern ab. Einer übernimmt unbewusst die Rolle des Kritikers, des Fordernden, des "Ich-weiß-wie-es-richtig-wäre". Der andere schlupft in die Rolle des Verteidigenden, des nie-gut-genug-Seins. Das ist keine Charakterfrage - es sind erlernte Muster, die sich ohne bewusste Arbeit verselbständigen.
Wenn Sie sich in Ihren Beziehungsmustern festgefahren fühlen, ist das häufig ein Zeichen, dass Topdog und Underdog das Steuer übernommen haben - sowohl innerlich als auch im gemeinsamen Alltag.
Die Schichten einer Paarbeziehung: Von der Fassade zur Lebendigkeit
Perls beschrieb, wie Menschen - und Beziehungen - in Schichten organisiert sind. Von außen nach innen:
- Die Klischee-Schicht: Oberflächlicher Austausch, soziale Höflichkeit, das Vorspielen von "Alles ist gut". Viele Paare leben lange in dieser Schicht, ohne es zu merken.
- Die Rollen-Schicht: Beide spielen ihre eingespielten Rollen - der Verantwortliche und die Träumerin, die Organisatorin und der Genußmensch. Die Rollen fragen sich: Was erwartet mein Gegenüber von mir?
- Die Todesschicht / Leere: Hier liegt das Eigentliche verborgen. Das Gefühl von Sinnlosigkeit, von Starre, von "Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin - außer dieses Funktionieren." Viele Paare scheuen genau diese Schicht und füllen sie mit Streit, Ablenkung oder Distanz.
- Die Explosionsschicht / Lebendigkeit: Wenn es gelingt, durch die Leere hindurchzugehen, entsteht echte Lebendigkeit: tiefe Freude, echte Trauer, wirkliche Nähe, authentische Leidenschaft. Perls beschrieb vier große "Explosionen": Freude, Trauer, Wut und erotische Lebendigkeit.
Die meisten Paare kennen die ersten beiden Schichten sehr gut. In der Paarberatung begleiten wir Menschen genau an den Punkt, an dem sie die dritte Schicht - die Leere, die Starre - nicht mehr vermeiden müssen. Denn was dahinter liegt, ist der lebendigste Teil der Beziehung.
Wenn Sie in Ihrer Beziehung gerade eine Phase der Stille oder Distanz erleben, lesen Sie auch: Warum wir in destruktiven Beziehungen bleiben - häufig ist es genau diese Angst vor der Leere, die uns festhält.
Gefühle sind keine Störung - sie sind die Lebenskraft der Partnerschaft
Eine der zentralen Einsichten aus Perls' Werk: Gefühle sind keine lästigen Begleiter, die man bewältigen oder kontrollieren muss. Sie sind die eigentliche Antriebskraft unseres Lebens - und unserer Beziehungen.
Perls beschrieb, wie die ursprüngliche Lebensenergie des Organismus sich durch hormonelle Prozesse differenziert: in Wut, in Trauer, in Freude, in Sehnsucht, in Libido. Wird diese Energie nicht zum Ausdruck gebracht - aus Angst, aus erlernter Selbstkontrolle, aus alten Verletzungen - sucht sie sich andere Wege. Sie zeigt sich als chronische Gereiztheit, als Gleichgültigkeit, als Erschöpfung oder als körperliche Symptome.
Besonders in Paarbeziehungen passiert das häufig: Wut, die nicht gesagt werden darf, wird zu passivem Rückzug. Trauer, die keinen Raum findet, gefriert zu Starre. Sehnsucht nach Nähe, die nicht gezeigt werden kann, verwandelt sich in Vorwürfe.
Was das für die Intimität in der Partnerschaft bedeutet: Echter Kontakt entsteht nicht durch Kontrolle der Gefühle, sondern durch deren achtsame Wahrnehmung und Ausdrucksfähigkeit.
Verantwortung übernehmen - der entscheidende Wendepunkt
Perls unterschied sehr präzise zwischen Verantwortung für sich selbst und Verantwortung für andere. Echte Verantwortung - im Sinne von Antwortfähigkeit (response-ability) - bedeutet: Ich bin bereit, das, was ich fühle, denke und tue, als meines anzuerkennen. Nicht "Du machst mich wütend", sondern "Ich fühle Wut."
Das klingt simpel. Es ist es nicht. Denn die Alternative - die Projektion - liegt viel näher. Wenn ich nicht bereit bin, meine eigene Kritiklastigkeit zu sehen, projiziere ich sie nach außen: Mein Partner ist der Kritische. Wenn ich meine eigene Angst vor Verlassenwerden nicht wahrnehmen mag, erlebe ich den anderen als unzuverlässig.
Verantwortung bedeutet einfach die Bereitschaft zu sagen: Ich bin ich - und ich bin, was ich bin. (Fritz Perls)
In der Paarbeziehung ist dieser Schritt häufig der wirksamste: Wenn beide Partner aufhören, den anderen für das verantwortlich zu machen, was sie in sich selbst nicht annehmen können, verändert sich die Atmosphäre fundamental. Das ist kein Appell zur Selbstkritik - sondern eine Einladung zur Selbstwahrnehmung.
Mehr dazu, wie Selbstregulation und Verantwortung zusammenhängen: Selbstregulation in Beziehungen.
Der gesunde Rückzug: Kraft tanken für die Beziehung
Perls erzählte vom Helden Antaios aus der griechischen Mythologie: Sobald Antaios den Boden berührte, gewann er seine Stärke zurück. Erst als sein Gegner ihn in die Luft hob, war er besiegt. Das Bild beschreibt treffend, was geschieht, wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren.
In intensiven Phasen einer Paarbeziehung - in Krisen, bei Erschöpfung, bei Konflikten - ist der gesunde Rückzug nicht Flucht, sondern Erneuerung.
Der beste Rückzug, so Perls, ist der in den eigenen Körper: Atemwahrnehmung, Bewegung, Stille, natürliche Umgebung. Wer sich selbst berühren kann, kommt gestärkt zum anderen zurück.
Das gilt auch für Paare in einer Beziehungskrise oder Lebensphase des Wandels: Ein Rückzug von der Intensität ist keine Niederlage - er kann der Beginn von Neuem sein.
Die fruchtbare Leere: Was entsteht, wenn ein Paar innehält
Perls unterschied zwischen der unfruchtbaren Leere - der Starre, dem Nichts als Angst - und der fruchtbaren Leere: dem Raum, in dem Neues entstehen kann. In östlichen Traditionen, sagte er, ist "Nichts" kein Loch, sondern ein Ereignis, ein Geschehen.
Für Paare kann die fruchtbare Leere der Moment sein, in dem beide aufhören, das alte Muster zu spielen - und noch nicht wissen, was an seine Stelle tritt. Das ist ein ungemein wichtiger, oft übersehener Raum. Viele Paare füllen ihn sofort wieder mit Aktivität, Diskussion oder Streit, weil die Stille unangenehm ist. Dabei wäre genau diese Stille der Anfang von etwas Lebendigerem.
Neugierig, wie sich das mit dem Konzept der symbiotischen Paarbeziehung berührt? Die Überfülle an Nähe kann ebenso ein Vermeiden dieser Leere sein wie der totale Rückzug.
Wie wir als Paarberaterpaar in Ludwigsburg arbeiten
Als Menexia und Thomas Kladoura begleiten wir Paare in Ludwigsburg seit Jahren mit einem integrativen Ansatz - dem der Paarsynthese nach Michael Cöllen. Gestalttherapeutische Konzepte wie Topdog/Underdog, Verantwortungsübernahme und der Kontakt zu den eigenen Gefühlen sind dabei wichtige Werkzeuge und Haltungen.
Was uns in der Arbeit mit Paaren immer wieder begegnet: Die meisten Konflikte sind keine Kommunikationsprobleme im engeren Sinne - sie sind Ausdruck davon, dass beide Partner unbewusst aus alten Rollen heraus handeln und die Verantwortung für das eigene Erleben nach außen abgeben. Unser Anliegen ist es, Paaren zu helfen, wieder in echten Kontakt zu kommen - mit sich selbst und miteinander.
Das gelingt nicht über Ratschläge oder Techniken, sondern über echte Begegnung. Mehr darüber, wann der richtige Moment für Paarberatung ist: Paarberatung Ludwigsburg - wann ist der richtige Zeitpunkt?
5 Gestalt-Impulse für Ihre Partnerschaft
- Beobachten Sie Ihren inneren Topdog. Wenn Sie sich beim Kritisieren Ihres Partners ertappen: Wessen Stimme ist das? Wie klingt sie in Ihnen selbst?
- Bleiben Sie im Hier und Jetzt. Viele Beziehungskonflikte sind eigentlich Konflikte zwischen gestern und morgen. Was ist gerade, in diesem Moment, wirklich zwischen uns?
- Benennen Sie Ihre Gefühle in der Ich-Form. "Ich fühle mich allein" statt "Du bist nie da." Das ist keine Sprachkosmetik - es ist der Unterschied zwischen Kontakt und Angriff.
- Erlauben Sie sich Rückzug als Erneuerung. Ein Spaziergang, ein ruhiger Abend, Stille - nicht als Strafe, sondern als Quelle. Dann kommen Sie bereichert zurück.
- Sitzen Sie gemeinsam in der Stille aus. Wenn das Gespräch erschopft ist: Nicht sofort weiterreden. Manchmal entsteht das Wesentlichste genau in der Pause.
Weiterlesen: Vertiefende Artikel auf dieser Website
- Gestalttherapie und Paarbeziehung: Was Fritz Perls uns über Liebe lehrt
- Beziehungsmuster ändern: Bewusstes Wahrnehmen als erster Schritt
- Kommunikation in der Beziehung: Stressfrei miteinander sprechen
- Was die Beziehungsforschung über glückliche Paare sagt
- Selbstregulation in Beziehungen
- Intimität in der Partnerschaft
Paarberatung in Ludwigsburg - Erstgespräch vereinbaren
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Topdog und Underdog in Ihrer Beziehung das Gespräch führen - und Sie eigentlich Sie selbst miteinander sprechen möchten - laden wir Sie herzlich ein, ein erstes Gespräch mit uns zu vereinbaren.
Wir bieten Paarberatung, Paartherapie und Paarmediation in Ludwigsburg an, in einem geschützten, respektvollen Rahmen. Sie erreichen uns unter 07141/2797605 oder per E-Mail.
Termin vereinbaren: Zum Erstgespräch
Über die Autoren
Menexia Kladoura und Thomas Kladoura sind Paarberatende und Mediatoren in Ludwigsburg. Sie arbeiten nach dem integrativen Ansatz der Paarsynthese (Michael Cöllen) und begleiten Paare in Krisen, Lebensveränderungen und beim Wiederentdecken ihrer Verbindung. Praxis: Rosenstraße 5b, 71640 Ludwigsburg.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Paarberatung oder Psychotherapie.
Mehr erfahren auf www.paarbeziehung-im-fokus.de
Herzliche Grüße aus Ludwigsburg von
Thomas und Menexia Kladoura






