
Gehen oder Bleiben in der Beziehung – wenn die Antwort sich versteckt | Paarberatung Ludwigsburg
28. März 2026Warum Beziehungskonflikte selten dort wurzeln, wo wir suchen – und was wirklich hilft
Viele Paare, die zu uns in die Beratung kommen, berichten von denselben Konflikten – immer wieder. Andere Anlässe, dieselbe Dynamik. Einer zieht sich zurück, der andere drängt nach. Oder beide schweigen, bis irgendetwas explodiert. Oder Gespräche über Alltagsthemen enden in tiefen Verletzungen, die mit dem eigentlichen Thema scheinbar gar nichts zu tun haben.
Was steckt dahinter? Und warum helfen gut gemeinte Ratschläge – mehr miteinander reden, Ich-Botschaften schicken, aktiv zuhören – so oft nur kurzfristig?
Die ehrliche Antwort: Weil das, was sich im Streit zeigt, meistens nur die Oberfläche ist. Die eigentlichen Muster liegen tiefer. Sie haben sich nicht erst in dieser Beziehung gebildet, sondern schon viel früher – lange bevor du deinen heutigen Partner kennengelernt hast.
Der Körper erinnert sich. Der Kopf kommt immer zu spät.
Im Gestalt-Ansatz, mit dem wir unter anderem in unserer Paarberatung und Paarmediation in Ludwigsburg arbeiten, gibt es einen zentralen Gedanken: Jede Begegnung findet an einer unsichtbaren Grenze statt – der sogenannten Kontaktgrenze zwischen mir und dir.
Was an dieser Grenze passiert, entscheidet darüber, ob echter Kontakt entsteht oder nicht. Echter Kontakt heißt: Ich nehme wahr, was ich gerade fühle und brauche. Ich nehme wahr, was du brauchst. Und ich kann beides auseinanderhalten.
Das klingt einfach. Es ist es nicht.
Denn an genau dieser Grenze greifen wir automatisch auf Strategien zurück, die wir schon als Kinder entwickelt haben. Fritz Perls, einer der Begründer der Gestalttherapie, beschrieb vier davon:
Introjektion – ich übernehme unbewusst Erwartungen anderer als meine eigenen. „So macht man das nicht." „Stell dich nicht so an." Diese inneren Stimmen sind oft keine eigenen – und trotzdem bestimmen sie mein Verhalten.
Projektion – ich schreibe dem anderen zu, was ich in mir nicht wahrhaben will. „Du bist immer so kalt" kann manchmal bedeuten: Ich selbst habe gerade Schwierigkeiten, meine eigene Kälte zu spüren.
Konfluenz – ich verliere mich im anderen, passe mich so stark an, dass ich meine eigenen Bedürfnisse kaum noch wahrnehme. In Beziehungen zeigt sich das oft als permanentes Funktionieren – bis der Erschöpfungspunkt erreicht ist.
Retroflexion – ich tue mir selbst das an, was ich eigentlich dem anderen gegenüber ausdrücken möchte. Aus Wut wird Selbstkritik. Aus Schmerz wird Rückzug.
Und dann gibt es noch die Deflexion – das unauffälligste Muster: Ich weiche dem Kontakt überhaupt aus. Rede um den heißen Brei herum, wechsle das Thema, mache Witze – alles, damit ich gar nicht erst in echten Kontakt komme.
Diese Strategien sind keine Fehler. Sie waren irgendwann sinnvoll – sie haben uns in frühen Beziehungen geschützt. Das Problem ist, dass sie oft noch wirksam sind, lange nachdem der Grund dafür weggefallen ist.
Was frühe Bindungserfahrungen mit heutigen Konflikten zu tun haben
Bindungsforschung – begründet u. a. von John Bowlby und Mary Ainsworth – zeigt: Wie sicher oder unsicher wir uns in frühen Bindungsbeziehungen gefühlt haben, beeinflusst, wie wir heute in Nähe und Konflikt reagieren.
Wer als Kind erlebt hat, dass Nähe zuverlässig und sicher ist, der kann auch als Erwachsener Kontakt suchen, ohne übermäßige Angst vor Zurückweisung oder Überwältigung. Wer dagegen erfahren hat, dass Nähe mit Unberechenbarkeit, Desinteresse oder Bedrohung verbunden war, der entwickelt Strategien – eben jene Muster –, die dafür sorgen sollen, nicht wieder in diese Situation zu geraten.
Das Entscheidende: Diese Muster laufen unbewusst ab. Der Kopf sagt „Ich möchte mich öffnen" – der Körper zieht sich schon längst zurück. Oder umgekehrt: Der Kopf weiß, dass der Streit gerade über den Geschirrspüler geht – das Nervensystem reagiert, als ginge es ums Überleben.
Wenn ihr als Paar immer wieder an denselben Punkten feststeckt, lohnt sich ein Blick auf eure jeweiligen Beziehungsmuster. Mehr dazu haben wir in diesen Artikeln beschrieben: Beziehungsmuster verstehen und Beziehungsmuster verändern.
Was eine Beziehungsklärung ist – und warum sie tiefer geht
Eine Beziehungsklärung im Gestalt-Ansatz ist kein Gespräch, das ihr mit einem Leitfaden führt. Es ist ein Prozess, in dem bewusst wird, was gerade wirklich passiert – zwischen euch, aber auch in jedem von euch.
Das kann in einer Paarberatungssitzung stattfinden. Es kann aber auch über konkrete Übungen angebahnt werden, die zunächst ganz unspektakulär wirken.
Ein Beispiel aus unserer Arbeit: Eine Frau berichtet, dass sie in einer Gruppe plötzlich keinen Zugang mehr zu ihren eigenen Gefühlen hat. Sie weiß, was sie denkt – aber was sie fühlt, bleibt diffus. Auf Nachfrage entwickelt sich die Hypothese, dass sie die Gruppe unbewusst als bedrohlich und gleichzeitig als gleichgültig ihr gegenüber erlebt. Eine alte Erfahrung aus der Herkunftsfamilie aktualisiert sich – unabhängig davon, was die Gruppe tatsächlich tut oder nicht tut.
Die Intervention: Die Frau richtet ihre Wahrnehmung bewusst nach innen. Sie spricht aus, was hochkommt – Gedanken, Empfindungen, auch Widerstände. Die Gruppe hört zu, ohne zu kommentieren. Diese simple Umkehrung – einmal nicht auf die anderen schauen, sondern bei sich bleiben – verändert etwas. Nicht weil ein Konflikt gelöst wurde. Weil eine neue Erfahrung gemacht wurde: Ich darf meine Gefühle haben, auch wenn andere dabei sind.
Das klingt klein. Für Menschen, die gelernt haben, ihre inneren Zustände zu verstecken oder wegzureden, ist es alles andere als das.
Ein Einblick in unsere Arbeit: Wenn die Stuhl-Arbeit zeigt, was Worte nicht erreichen
Manchmal passiert in einer Einzelsitzung – eingebettet in einen laufenden Paarberatungsprozess – etwas, das mehr verändert als viele Gespräche zuvor.
Eine Frau kommt zur Sitzung ohne ihren Partner. Sie erzählt, dass sie sich in der Beziehung seit Monaten unsichtbar fühlt. Ihr Mann sei oft da – und doch irgendwie nicht. Er meide tiefere Gespräche, weiche aus, wenn es persönlich wird. Sie habe aufgehört, darauf zuzugehen. Jetzt leben sie nebeneinander her – höflich, funktionierend, aber ohne wirkliche Verbindung.
Auf die Frage, wie sie selbst reagiert, wenn er sich zurückzieht, kommt die Antwort schnell: „Ich ziehe mich auch zurück. Wozu soll ich es noch versuchen?"
Wir arbeiten mit der sogenannten Stuhl-Arbeit. Sie setzt sich ihrem imaginären Partner gegenüber – ein leerer Stuhl. Die Aufgabe: ihm zu sagen, was sie wirklich wahrnimmt, was sie fühlt, was sie braucht.
Zunächst kommen die bekannten Formulierungen. „Du bist immer so distanziert." „Du lässt mich nicht rein." Dann – nach einer Weile – kommt etwas anderes. Eine Erschöpfung. Eine Trauer. Und schließlich etwas, das sie selbst überrascht: „Ich glaube, ich habe auch aufgehört, mich zu zeigen. Weil ich Angst habe, dass es trotzdem nichts ändert."
Dann tauscht sie die Stühle. Nimmt die Perspektive ihres Mannes ein. Spricht als er. Und beschreibt, was sie aus dieser Position wahrnimmt: eine Frau, die sich innerlich längst verabschiedet hat. Die zwar noch da ist, aber kaum noch erreichbar.
Der Wechsel zurück auf den eigenen Stuhl. Eine längere Pause.
Was in diesem Moment sichtbar wird: Das Muster, das sie ihrem Mann zuschreibt – Rückzug, Kontaktvermeidung, Distanz – ist auch ihr eigenes. Nicht weil sie „genauso" ist, sondern weil ihre eigene frühe Erfahrung, dass Annäherung oft ins Leere lief, sie gelehrt hat: Zeig dich nicht zu sehr. Dann wirst du auch nicht enttäuscht.
Die Intervention der Beziehungsklärung macht hier nicht „den Konflikt" sichtbar. Sie macht sichtbar, was jeder von beiden in diesen Konflikt hineinbringt – und was darunter liegt: ein berechtigtes Bedürfnis nach Nähe, das sich hinter einer erlernten Schutzstrategie versteckt hat.
In den darauffolgenden Sitzungen zu zweit eröffnet diese Erkenntnis einen anderen Gesprächsraum. Nicht mehr: „Du machst das immer so." Sondern: „Ich merke, dass ich mich zurückgezogen habe – und ich würde gerne verstehen, was bei dir passiert, wenn ich das tue."
Das ist kein dramatischer Durchbruch. Es ist ein erster, echter Schritt aufeinander zu.
Drei Impulse, die ihr selbst ausprobieren könnt
Diese Übungen stammen aus dem Gestalt-Ansatz und können auch zu zweit oder alleine als ersten Schritt genutzt werden. Sie ersetzen keine Begleitung – aber sie können öffnen.
1. Jetzt bin ich mir bewusst – eine kurze Innenschau Setzt euch ruhig hin, schließt die Augen. Fragt euch: Was nehme ich gerade wahr – in meinem Körper, in meinen Gedanken, in meinem Gefühlsraum? Welche Empfindungen tauchen auf, wenn ich an unsere Beziehung denke? Nicht bewerten, nur wahrnehmen. Diese einfache Übung – regelmäßig und ehrlich gemacht – kann deutlich machen, wie viel im Alltag an uns vorbeiläuft.
2. Wohin zieht es mich – und wovor weiche ich aus? Beobachtet im nächsten Streit oder in der nächsten Spannung: Wozu neige ich? Dränge ich nach Kontakt? Ziehe ich mich zurück? Passe ich mich an, bevor ich überhaupt weiß, was ich selbst will? Die reine Beobachtung ohne sofortigen Änderungsdruck ist ein erster Schritt, Muster überhaupt erst als solche zu erkennen.
3. Was gehört zu mir – was gehört zum anderen? Fragt euch in Konfliktsituationen: Was fühle ich? Was nehme ich beim anderen wahr? Und was davon projiziere ich möglicherweise – das heißt, was schreibe ich dem anderen zu, was eigentlich mehr über mich selbst aussagt? Diese Unterscheidung ist schwerer als sie klingt. Sie ist aber der Kern dessen, was eine Beziehungsklärung ausmacht.
Mehr zu konkreten Zugängen zur Streitbearbeitung findet ihr auch hier: Streitbearbeitung in der Paarbeziehung und Richtig streiten lernen als Paar.
Beziehungsmuster zeigen sich nicht nur zuhause
Wer kennt es nicht: Man denkt, der Ursprung der eigenen Muster liege in der Partnerschaft – und stellt plötzlich fest, dass dasselbe auch im Beruf passiert. Der Vorgesetzte, der sich distanziert verhält und Kontakt meidet. Die eigene Reaktion darauf: Rückzug, Schweigen, wachsende innere Unzufriedenheit.
In diesem Fall hilft es, den Blick nicht nur auf die Beziehung zu richten, sondern auch auf das berufliche Umfeld. Genau dafür steht das Coaching- und Mediationsangebot auf www.mhochx.com – für Menschen, die Beziehungskonflikte im beruflichen Kontext klären möchten, sei es mit Führungskräften, Kolleginnen oder in Teams.
Warum dieser Ansatz nicht nur an der Oberfläche kratzt
Was Beziehungsklärungen im Gestalt-Ansatz von reinen Kommunikationstrainings unterscheidet: Es geht nicht darum, neue Formulierungen zu lernen oder Konflikte „besser zu managen". Es geht darum, zu spüren, was sich zwischen mir und dir gerade wirklich abspielt – und das in Zusammenhang zu bringen mit dem, was früh gelernt wurde.
Veränderung entsteht dann, wenn eine neue Erfahrung möglich wird. Nicht nur kognitiv. Sondern im Kontakt – mit sich selbst und mit dem anderen.
Das braucht einen geschützten Rahmen. Es braucht Zeit. Und manchmal braucht es professionelle Begleitung. Wenn ihr spürt, dass ihr mit euren Mustern alleine nicht weiterkommt, könnt ihr gerne auf uns zukommen.
Über unsere Arbeit mit dem Gestalt-Ansatz in der Paarberatung erfahrt ihr auf unserer Paarberatungsseite mehr. Wer sich fragt, ob Paarberatung oder Paarmediation der richtige Schritt ist, findet in unserem Artikel zu Vertrauen wieder aufbauen und zu Was glückliche Paare wirklich ausmacht weitere Orientierung.
Menexia Kladoura begleitet Paare und Einzelpersonen in Ludwigsburg und Umgebung in Paarberatung, Paarmediation und Einzel-Coaching. Gemeinsam mit Thomas Kladoura arbeitet sie bei Paarbeziehung im Fokus.
👉 Mehr erfahren auf www.paarbeziehung-im-fokus.de
Herzliche Grüße aus Ludwigsburg von
Thomas und Menexia Kladoura






